Mittwoch, 29. November 2017

41. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 9. November 2017

Lydia Reining - In Gottes Hand

Lydia Reining spricht aus eigener Erfahrung, wenn es um „Kinderarbeit“ geht. Sie ist Musikerin und wird ihre Biografische Erzählung musikalisch begleiten. Lydia erscheint eine Stunde früher im Leuchtturm, um sich einzusingen. Während ich mit den Vorbereitungen beschäftigt bin, vernehme ich ihre warme Stimme. Wie geschaffen für diese Lieder, denke ich, als sie „Sind so kleine Hände“  anstimmt.

Lydia Reining stammt aus Nordrhein-Westfalen. 1957 wird sie in Gütersloh geboren, wo sie mit vier Geschwistern aufwächst. Der Vater betreibt als Werkzeugmacher eine kleine Fabrik, während die Mutter zunächst im Abstand von zwei Jahren ihre fünf Kinder zur Welt bringt. Später arbeitet sie trotz des großen Haushalts im Betrieb mit. Lydia ist nach ihrem Bruder die Zweitälteste und hat drei jüngere Schwestern. Der Vater behandelt die Kinder streng. Er hat er seine Prinzipien, die nicht hinterfragt werden dürfen, und von allen Familienmitgliedern, aber auch von allen anderen Menschen, akzeptiert werden müssen. „Wenn er etwas wollte, mussten wir uns sputen. Wir hatten uns darauf eingerichtet und gaben meistens keine Widerworte“, sagt Lydia. Die Mutter ist das Gegenteil, liebevoll, den Kindern zugewandt und will ihnen alles geben, aber sie selbst ist überlastet.

Die Fabrik besteht aus einer großen Halle mit verschiedenen Werkbänken und drei Stanzmaschinen. Dort stellt der Vater Siebeinsätze für Volkswagen-Auspuffe und andere Stanzarbeiten her. Er macht alles allein. Arbeiter einzustellen kann er sich nicht leisten. So ist er froh, dass er seinen Sohn bald anlernen kann. Nach dem Schulunterricht soll er mitarbeiten. Ein Jahr später soll auch die neunjährige Lydia im Betrieb mithelfen. Zunächst muss sie alle zwei Wochen die Halle ausfegen. Dann zeigt ihr der Vater, wie eine der Stanz-Maschinen zu bedienen ist und setzt sie täglich nach der Schule dort ein. Das ist harte, anstrengende Arbeit. An der Maschine sind mehrere Arbeitsschritte nötig, die schnell hintereinander durchgeführt werden müssen. Oftmals sind Lydias Finger aufgeschürft von dem scharfkantigen Material. Je flotter sie arbeitet, desto schneller ist sie an der Maschine fertig. Aber dann müssen die Siebeinsätze in Bananenkartons gepackt und zum VW-Bulli geschleppt werden. „Das ging auf die Wirbelsäule und Gelenke und macht mir bis heute Probleme. Ich war ja noch nicht ausgewachsen“, erklärt Lydia.

Seit sie in der Fabrik arbeitet, hat Lydia folgenden Tagesablauf: Schulbesuch am Vormittag, dann ein schnelles Mittagessen, Umziehen, das heißt, die Schulkleidung mit der Arbeits-Jeans tauschen, in die Fabrik fahren und vier Stunden arbeiten. Wieder zu Hause ist an Entspannung nicht zu denken. Lydia muss helfen, Vater, Bruder und Geschwister mit dem Abendessen zu versorgen und danach abwaschen. Dann müssen Lieferscheine und Rechnungen ausgestellt werden. Lydia lernt sehr früh mit der Schreibmaschine zu schreiben und führt alle diese Arbeiten aus. Oft muss sie auch mit anfassen, um Fenster zu putzen, die Wäsche aufzuhängen oder sich um die kleinen Geschwister zu kümmern. Zu ihren Schularbeiten kommt sie selten. Am nächsten Tag pinnt sie die Aufgaben auf dem Schulklo von einer Klassenkameradin ab. Noch heute erscheint es ihr als ein Wunder, dass sie das Klassenziel immer erreichte und versetzt wurde. Trotzdem stellt der Vater auch Ansprüche an ihre schulischen Leistungen. Hat Lydia die Note Drei bekommen, sagt er: Warum ist es keine Zwei. Bei einer Eins minus bemängelt er, dass es keine Eins ist. Auch in den Ferien müssen die Kinder in der Fabrik arbeiten, den ganzen Tag lang. Für einen Urlaub mit der Familie gibt es kein Geld. Nur einmal verbringt Lydia mit ihren Eltern und dem Bruder zwei Wochen in Österreich. Zu dieser Zeit ist sie schon 14 Jahre alt.

Lydia beschreibt ihren Vater als Eigenbrötler, der oft unzufrieden ist. Wenn sie als Kinder gerade ein bestimmtes Programm im Fernsehen anschauen und der Vater etwas anderes sehen will, wird einfach umgeschaltet. „Für den Rest der Familie gab es kein Mitspracherecht.“ Das oftmals laute und aggressive Verhalten des Vaters macht den Kindern Angst. Indem er Lydia mit seinen Sorgen in der Firma konfrontiert, überfordert er das Mädchen. „Er hat seine Probleme bei mir abgeladen“, sagt Lydia. „Auch meine Mutter hat mir ihre Sorgen anvertraut, aber sie war wie eine Freundin für mich. Ich war damals sehr belastet und hatte selbst keine Vertrauensperson, der ich mich mitteilen konnte. Es gab wenig Zeit für tiefere Freundschaften.“

Nachts hat sie Albträume. Lydia ist inzwischen 11 Jahre alt und verzweifelt: Kann das Leben mit diesem Tyrann nicht einmal ein Ende haben? Sie fürchtet um ihre Mutter und die Geschwister. In der Schule versucht Lydia ihre Nöte zu überspielen. Wenn der Lehrer fragt, warum sie keine Schularbeiten gemacht hat, möchte sie am liebsten sagen: Ich hatte keine Zeit, ich muss doch arbeiten gehen! Aber sie weiß inzwischen, dass das Jugendamt davon nichts erfahren darf, andernfalls würde die Familie leiden müssen. Auch Verwandte und Nachbarn schauen weg und schweigen. „Vielleicht konnten sie sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es für mich war“, sagt Lydia. Als sie ein Jahr später mitbekommt, dass manche Menschen mit Hilfe von Tabletten ihrem Leben ein Ende setzen, sieht sie darin für sich eine Lösung. Auf dem Nachttisch des Vaters liegt Aspirin. Sie nimmt fünf Tabletten ein, aber nichts passiert.

Wenn Lydia ab und zu ein paar Stunden frei hat, trifft sie sich mit einer Freundin. Sie trinken zusammen ihre erste Flasche Bier. Lydia merkt, dass der Alkohol sie beruhigt. Auch die ersten Joints haben eine entspannende Wirkung. Hier unterbricht Lydia ihren Bericht und singt „Sind so kleine Hände“. „Dieses Lied hat mich fast mein ganzes Leben begleitet, seit es Bettina Wegner veröffentlicht hat“, sagt Lydia und erzählt weiter, dass ab nun Alkohol und Drogen eine immer wichtigere Rolle in ihrem Leben spielen und sich „Traumtänzer-Gedanken“ einschleichen. Mit 15 nimmt sie auch härtere Stoffe zu sich.

Da die beiden älteren Kinder bald erwachsen sind, plant der Vater seinen Familienbetrieb zu professionalisieren. Lydias älterer Bruder hat eine Ausbildung als Werkzeugmacher zu absolvieren, und Lydia soll die Handelsschule besuchen. Die beiden fügen sich, obwohl der Bruder auch eigene Wünsche hat.

1974, Lydia ist 17 Jahre alt, trennt sich die Mutter vom Vater. Der Vater zieht aus. Zu Hause kehrt etwas Ruhe ein. Lydia hat sich immer gewünscht, mit der Mutter und den Geschwistern friedlich zusammenzuleben. Jetzt ist es endlich so weit. Die Handelsschule macht sie weiter, obwohl sie zu dieser Ausbildung keine Lust hat. Doch es ist eine private Schule, für die der Vater viel Geld zahlt. Diese jetzt abzubrechen bringt Lydia nicht fertig. Danach nimmt sie eine Arbeit in einem Büro im Stahlhandel an. Sie hat viel mit Zahlen zu tun. Das Geschäft mit Stahl gleicht etwa dem im Börsenhandel: ständig ändern sich die Preise. Man bietet Lydia eine Ausbildung zur Stahlfachverkäuferin an. Das obligatorische dritte Lehrjahr würde man ihr wegen ihres Abschlusses an der Handelsschule erlassen. Lydia lehnt ab: nicht noch mehr Metall. Es reicht ihr schon, wenn sie nur kurz das Lager betreten muss, um bestimmte Ordner zur Bearbeitung zu holen. Der Stahlgeruch erinnert sie an die furchtbare Arbeit an der väterlichen Stanzmaschine, zu der sie nie wieder zurückkehren will.

Trotz der freundlichen Atmosphäre mit der Mutter und den Geschwistern zu Hause, möchte Lydia auf eigenen Beinen stehen und ausziehen. Mit einer Freundin gründet sie eine Wohngemeinschaft und hat nun endlich ein eigenes Zimmer. Die Mutter unterstützt sie und schenkt ihr schöne, praktische Dinge für den neuen Haushalt. „Jetzt kann das Leben doch richtig losgehen, dachte ich damals“, sagt Lydia. „Doch es kam anders.“

Es vergehen drei Monate, als sie eines Morgens an ihrem Arbeitsplatz aufgefordert wird ins Besucherzimmer zu kommen. Jemand von der Firma Miele, bei der die Mutter seit einiger Zeit arbeitet, möchte sie sprechen. Lydia denkt an ihr Fahrrad, welches ein Arbeitskollege der Mutter für sie reparieren und zurückbringen wollte. Kaum hat Lydia den Besucher-Raum betreten, spürt sie, dass es sich um etwas anderes handeln müsse. Dort sitzt der Personalchef von Miele und bittet sie Platz zu nehmen. Er sagt, dass ihre Mutter bei der Arbeit verstorben ist und fordert sie auf, mit ins Krankenhaus zu kommen und den Leichnam im Sektionssaal zu identifizieren. Dort bietet sich ihr ein schrecklicher Anblick. Da liegt die Mutter halb angezogen auf einer Bahre. Eine Binde ist um das Kinn gewickelt. Seit ungefähr einer Stunde ist sie tot. Ja, das ist meine Mutter, sagt Lydia erstarrt. Der Arzt übergibt Lydia den Schmuck der Mutter und verabschiedet sich. „Da stand ich dann da. Es war der größte Schock meines Lebens“, sagt Lydia. „Dann musste alles geregelt werden. Ich war gerade 19 Jahre alt geworden. Meine Mutter starb mit 41 Jahren. Der Leichnam musste laut Staatsanwaltschaft obduziert werden. Es war ein Horrorgefühl für mich.“

Lydias wichtigste Aufgabe ist es nun, die Geschwister zu trösten. Das Jugendamt erlaubt, dass die drei älteren Kinder allein zusammen wohnen dürfen. Darum entschließt sich Lydia zu den beiden Geschwistern in die elterliche Wohnung zurückzuziehen. Lydia übernimmt die Verantwortung für sie und sorgt dafür, dass die Miete gezahlt wird. Der Bruder ist 21 Jahre alt und bei der Bundeswehr, die jüngere Schwester ist 17. Die beiden jüngsten Schwestern, 11 und 14 Jahre alt, schickt das Jugendamt in die Obhut ihrer Tante, der Zwillingsschwester der Mutter, die in der Pfalz lebt.

Lydia nimmt sich keine Zeit zum Trauern, aber nachts quälen sie die Albträume: Plötzlich erscheint die Mutter. Ich habe gedacht, du bist tot, sagt Lydia zu ihr und ist außer sich vor Wut, weil die Mutter die Familie einfach verlassen hat. Und sie bringt die Mutter um.

Am Tag geht Lydia arbeiten, abends betäubt sie ihren Schmerz mit Alkohol und Drogen. Sie geht auf viele Partys. Nach einigen Männerbekanntschaften wartet sie immer noch auf die eine, wahre Liebesbeziehung.

Sie trifft Michael, mit dem sie fünf Jahre zusammen ist. Er ist ihre Liebe, aber einen Halt kann er ihr nicht geben. Ihre innere Leere ist unerträglich, so dass sie ihrem Leben ein Ende setzen will. Sie hat sich Tabletten besorgt und wird sie einnehmen, wenn niemand zu Hause ist. Zum Sterben will sie sich noch draußen auf eine Bank setzen, um niemanden aus der Familie damit zu belasten, sie tot vorzufinden. Sie schluckt die Tabletten, bekommt noch mit, wie ihr Bruder mit dem Auto vorfährt, und wird bewusstlos. Sie stürzt, reißt den Flurspiegel von der Wand und schlägt blutend auf den Fußboden. Auf der Intensivstation wacht sie nach drei Tagen wieder auf.

Was war geschehen? Ihr Bruder kam unerwartet nach Hause und entdeckte Lydia. Er dachte, sie sei betrunken, deshalb trug er sie ziemlich wütend ins Bett. Einige Zeit später kam Lydias Freundin vorbei, die unbedingt mit ihr ein privates Problem besprechen wollte. Sie wunderte sich, dass Lydia überhaupt nicht reagiert, so dass sie den Bruder bat, den Krankenwagen zu rufen. In letzter Minute wurde Lydia ins Krankenhaus gebracht. Später klärte sich, dass Lydia nicht wusste, wie schnell diese Tabletten wirken.

„Ich habe mich nach Ruhe und Frieden gesehnt, die mir der Tod bringen sollte. Ich fand den Sinn des Lebens nicht. Aber ich habe überlebt“, sagt Lydia und singt: „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Nach einigen Tagen wird Lydia aus dem Krankenhaus entlassen. Äußerlich ist sie wiederhergestellt, innerlich noch sehr krank. Aber sie holt sich keine professionelle Hilfe. Sie macht einfach weiter. Neben Alkohol- und Drogenexzessen befasst sie sich nun mit Esoterik, immer mit der Frage nach dem Jenseits, nach einem Gott, nach der unsichtbaren Welt. Sie ist katholisch erzogen worden. Sie selbst bezeichnet sich als „katholischer Namenschrist“ und will damit sagen, dass es nicht ihre Entscheidung war, den katholischen Glauben anzunehmen. Katholizismus bedeutet für sie: mit Verboten leben. Damit will sie nichts mehr zu tun haben. Es muss doch noch etwas anderes geben, als diesen Gott, der all das Leid in der Welt zulässt. Sie studiert Horoskope, legt Tarot-Karten, befasst sich mit Aurafotografie, beschwört die Geister mit dem Ouija-Brett, pendelt und versucht den Kontakt mit einer unsichtbaren Welt aufzunehmen, um „Antworten und Weisungen“ zu bekommen.

Dann beendet sie die Beziehung zu Michael. Und sie macht Schluss mit ihrem Job, Schluss mit „kaltem Stahl“ und der Büroarbeit. Sie sucht nach einem Stoff, der das Gegenteil von Metall ist und findet – Holz. Lydia lässt sich zur Tischlerin ausbilden und macht 1983 die Gesellenprüfung. Sie ist jetzt 26 Jahre alt und gehört zu den ersten Frauen in NRW, die Tischlerinnen geworden sind. Aber sie hat einen schweren Stand unter den Männern, die die ständige Anwesenheit von Frauen nicht gewöhnt sind. Die Männer machen grobe Scherze und eindeutige Angebote. Das neue Leben wirkt sich nicht positiv auf Lydias Seelenheil aus. Sie macht weiter wie bisher mit Partys und Drogen. In der Werkstatt fällt das nicht auf. Damals ist es durchaus üblich, bei der Arbeit zu rauchen und auch mal ein Bier zu trinken. Versuche, mit Männern eine Beziehung aufzubauen, scheitern immer wieder.

Endlich hat Lydia wieder einen Freund. Den mag sie wirklich. Von ihm wird sie schwanger, schneller, als ihr lieb ist. Sie befasst sich gerade mit den Abschlussarbeiten für ihr Gesellenstück. Weil die beiden Liebe zueinander empfinden und sich auf das Kind freuen, bleiben sie zusammen. Heiraten wollen sie später, wenn das Kind da ist, in einer kleinen Kapelle in Frankreich, ganz romantisch und nur zu dritt. Doch kurz vor der Niederkunft wird Lydias Freund zur Bundeswehr einberufen, deshalb verlegen sie die Hochzeit eilig vor. Schon vor Lydias Schwangerschaft erwarben sie ein ausgedientes Schulgebäude, das sie begannen zu modernisieren und auszubauen und bauten einen Handel mit Antiquitäten und gebrauchten Waschmaschinen auf. Die beiden haben viele Ideen und Pläne, die sie umsetzen und dabei sind sie handwerklich geschickt. Lydia glaubt, endlich jemand gefunden zu haben, bei dem sie sich auch mal fallenlassen kann. Aber es zeigt sich, dass nicht alles rund läuft. Ihr Mann, den sie als liebenswerten Chaoten bezeichnet, hat nicht mehr alles im Griff. Sie entdeckt, dass er selbst depressiv ist und ihm alles über den Kopf wächst. Nach sieben Jahren lassen sie sich scheiden. Von dem Wert der Immobilie bekommt Lydia nichts ab, sie war zu naiv, um sich abzusichern. Sie findet sich damit ab, weil sie im Interesse ihrer Tochter keinen Streit anfangen will. Die Tochter soll unbelastet mit ihrem Vater zusammen sein können. So haben Vater und Tochter bis heute ein gutes Verhältnis zueinander.

Lydia fällt in ihr altes Leben zurück. Davon soll ihre kleine Tochter nichts mitbekommen. Dann wird sie krank. Die Ärzte diagnostizieren eine Hüftkopfnekrose, durch Knocheninfarkte ausgelöstes Absterben des Hüftkopfs. „Wahrscheinlich ist das die Konsequenz des Drogen- und Tablettenkonsums“, meint sie. Die nun 35-Jährige bekommt ein künstliches Hüftgelenk. Kaum genesen erfährt Lydia, dass die jüngste Schwester drogenabhängig ist. Schuldgefühle, nach dem Tod der Mutter nicht genügend auf die Schwestern aufgepasst zu haben, plagen sie schwer. So holt sie ihre Schwester aus der Pfalz zurück zu sich nach Gütersloh und besorgt ihr einen Therapie-Platz mit anschließendem Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe. Das Mädchen erholt sich, aber Lydia geht es immer schlechter. Sie vertraut niemandem. Noch immer sucht sie nach der Liebe. Gute Freunde sagen: Du musst an dich denken und härter werden, nicht alles an dich ‘ranlassen.
Das nächste Lied: „Ermutigung...du lass dich nicht verhärten“ von Wolf Biermann

Als Lydia infolge ihrer Depressionen sieben Tage lang keinen Schlaf findet, lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen. Doch was die Ärzte ihr sagen, kommt bei ihr nicht an. Sie glaubt, das meiste selbst durchdacht zu haben, und so kann man ihr dort nicht helfen. Nach außen setzt sie eine Maske auf, im Inneren hat sie kapituliert. Die Vorstellung, ihrem Leben endgültig ein Ende zu setzen, beherrscht sie völlig.

Eines Tages sitzt sie wieder mit diesen schweren Gedanken auf einer Bank am Spielplatz und schaut ihrer achtjährigen Tochter zu, als eine jüngere Frau sie anspricht: „Sie sehen so traurig aus, geht es Ihnen nicht gut? – Nee. – Haben Sie es schon einmal mit Gott probiert? In Bielefeld startet heute eine Evangelisation. Ich lade Sie ein. Kommen Sie doch einmal mit. – Lydia kann am Abend ihre Tochter bei Freunden unterbringen und lässt sich abholen. Bielefeld ist 15 Kilometer von Gütersloh entfernt. Als sie sich dem Veranstaltungsort nähern, stutzt sie. Das ist doch keine Kirche, sondern ein schlichtes Bürogebäude! Lydia hat die prunkvollen katholischen Kirchen im Gedächtnis. Die Kanzel ist ein Stehpult, an Stelle der Orgel stehen dort Schlagzeug, Keyboard und Gitarre. Der Prediger trägt einen Anzug, und die Predigt ähnelt eher einem biblischen Vortrag, gespickt mit Witz und Weisheit. Dort erfährt sie zum ersten Mal, warum Jesus am Kreuz gestorben ist: Weil er die Menschen bedingungslos liebt. Er hat sich für die Menschen geopfert und ihnen die Last ihrer Schuld genommen. „Dieser Gedanke ist tief in mein Herz gedrungen“, sagt Lydia. „Ich war überwältigt und musste lange weinen. Dann habe ich gesagt, mit diesem Jesus will ich es probieren.“

Zwei Gemeindefrauen helfen Lydia, ihr Leben neu zu ordnen. Sie sagen, Lydia könne alle Last vor dem Kreuz ablegen, Gott werde ihr ein neues Herz schenken. „Das will ich“, sagt sie. Lydia geht mit ihnen ihr Leben durch, spürt ein letztes Mal die Verletzungen auf und erkennt auch ihre Schuld. „Ich konnte alles in den Rucksack meines Lebens packen und ihn in Gottes Hand legen. Mein Herz wurde geheilt.“ Dass das wahr ist, bemerkt sie, als sie nach vier Jahren Funkstille ihren sterbenden Vater im Krankenhaus besucht. Sie kann ihm sagen: Papa ich vergebe dir, vergib mir ebenfalls. „Bis heute hab’ ich diesen Frieden in meinem Herzen, den nur Gott mir schenken kann“, sagt Lydia. Auch ihrem Ehemann kann sie vergeben. Auf einmal hat sie Verständnis für die beiden. Ihr Vater hat es besonders schwer gehabt im Leben. Er wuchs im Krieg auf. Seine Mutter, Lydias Großmutter, war sehr streng zu ihm und bestrafte ihn bei den kleinsten Vergehen unverhältnismäßig hart. Und deren Mutter wiederum musste in einem Kinderheim ohne die fürsorgliche Liebe von Eltern aufwachsen.

Seit diesem Erlebnis, das mehr als zwanzig Jahre her ist, liest Lydia in der Bibel. „In Gottes Hand, mit seinem Frieden wurde mein Leben wieder lebenswert“, bemerkt sie. Lydia ist musikalisch und hat sich schon in jungen Jahren das Klavier- und Gitarre Spielen selbst beigebracht. Nach ihrer Genesung musiziert sie mit neuer Kraft in Krankenhäusern, Altenheimen und Gefängnissen „ehrenamtlich für Gott“. Bis heute singt, textet und komponiert sie. Von der Alkohol- und Drogensucht ist sie befreit. Auch ihre jüngste Schwester hat den Weg zu Gott gefunden. Vor acht Jahren ist Lydia nach Berlin gezogen, weil sie ihrer alleinerziehenden Tochter zur Seite stehen will. Sie wohnt in der Neuköllner Emser Straße und ist mit den umliegenden Künstlerkreisen gut vernetzt. Lydia bezieht eine kleine Rente. Da die Mieten leider ständig steigen und sie gern weiter im „geliebten Kiez“ wohnen möchte, wünscht sie sich ein Band-Projekt für Auftritte. Jetzt sucht sie interessierte Musiker*innen.

Lydia trägt weitere Lieder vor:
„Wir tragen viele Masken und suchen 1000 Sonnen“
„Ich schaue der Wahrheit ins Auge und stelle mich in dein Licht“ 
„Hab Dank vom Herzen“

„Güld’ne Abendsonne, Abglanz schöner Herrlichkeit“

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