Freitag, 22. September 2017

37. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 14. September 2017

Wolfgang Endler, Autor und Entertainer

Seine Geschichte wird im Lauf des Oktober 2017 veröffentlicht.

36. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 29. Juni 2017

Sayima Kutluer, Aufbruch Neukölln e.V.

"Der Mensch hilft dem Menschen und etwas Übernatürliches wird gespürt ."
(Sankt Martin, Hizir).

Sayima Kutluer ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins „Aufbruch Neukölln e. V., der sich im sozialen, schulischen und erzieherischen Bereich engagiert. Unter dem Ziel, das Zusammenleben mit den unterschiedlichen Kulturen im Stadtteil zu fördern, organisieren ehrenamtliche Mitglieder verschiedene Projekte. Es gibt internationale Vätergruppen, eine Müttergruppe, mehrsprachige Elternversammlungen, eine Musikgruppe, eine Malgruppe, eine Woche der Sprache und des Lesens, eine Anti-Glücksspielsuchtgruppe, das alles in mehreren Sprachen. Dabei stehen Personen mit Migrationshintergrund im Fokus. Außerdem macht der Verein Flüchtlingsarbeit und bietet eine Rechts- , Sozial- und eine Rentenberatung an. Die Finanzierung der Projekte erfolgt über Projektförderungen und Spenden (s. Kazim Erdogan).
Sayima Kutluer hat mir in ihrer überzeugenden Art versichert, dass sie gern zu uns ins Erzählcafé kommt. Nun sitzt sie unter uns, hört bei der Vorstellungsrunde jedem einzelnen aufmerksam zu und brennt darauf loslegen zu können. Es scheint ihr sehr wichtig zu sein, uns ihre Sicht der Dinge nahezubringen.

Im Jahr 1974 steigen in der Osttürkei 15 türkische Kinder und drei Erwachsene in den Zug nach Istanbul, von dort aus mit dem Flugzeug nach Berlin. Unter ihnen ist Sayima, knapp zwei Jahre alt, mit drei Geschwistern und ihren Eltern. In Berlin werden sie von Verwandten erwartet, die dort als Gastarbeiter in Lohn und Brot stehen. Sayima wächst in Moabit auf und zieht später in den Wedding. Heute lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern, ihren Eltern und ihrer Schwester mit Familie in Spandau, arbeitet aber in Neukölln. Sayimas Familie und die der Schwester bewohnen jeweils ein Haus auf demselben Grundstück und kümmern sich um ihre Eltern.

In Moabit braucht Sayima keinen Kindergarten zu besuchen: „Mit meinen sechs Geschwistern hatte ich meinen Kindergarten zu Hause.“ Die Mutter kümmert sich liebevoll um den Nachwuchs; der Vater ist streng, aber gerecht. „Bei einem Haushalt mit neun Personen in einer Zweieinhalb-Zimmerwohnung braucht man eine gewisse Struktur“, meint Sayima. Natürlich gibt es auch Streit. Aber wenn sich ein Kind hinter der Mutter verbirgt, sich am „heiligen Ort“ befindet, wird es in Ruhe gelassen. Diese Schutzzone akzeptieren alle Familienmitglieder. Für Sayima ist das Elternhaus ein „Hort der Liebe“. Obwohl beide Eltern Analphabeten sind, beschreibt Sayima sie als sehr intelligent. Die Mutter beispielsweise beherrscht mündlich fünf Sprachen. Und der Vater versteht das deutsche Fernsehen. Innerhalb der Familie wird mit den Eltern Türkisch, wenn die Geschwister unter sich sind, Deutsch gesprochen.

Während es zu Hause diszipliniert zugeht, kann Sayima in der Schule mit „wunderbaren Lehrern“ ihre Gedanken frei entfalten. „Ich war ein Kind wie alle anderen. Nie spürte ich einen Identitätskonflikt.“ Sie lernt spielend Deutsch, muss sich nichts bewusst einprägen. Aber sie erinnert sich an eine Situation, in der ein Wort so nachdrücklich ausgesprochen wurde, dass es sich in ihrem Gedächtnis festgesetzt hat. Ein Nachbarsjunge ruft seiner Mutter zu: „Ich habe Hunger.“ Dabei zieht er das U besonders lang und spricht das ER am Ende wie ein A aus. „Huuuungaaaa!“ Was für ein hässlicher Laut, denkt sich Sayima. Sie fragt den Jungen, was er sagt, und lernt das erste Mal ein deutsches Wort bewusst.
Es sind zwei verschiedene Welten, in denen sich Sayima täglich bewegt: die Schule und das Zuhause. Sie ist eine selbstbewusste und gute Schülerin. Der Vater unterstützt das, aber er möchte, dass alle seine Kinder gut in der Schule sind und später auch einen Beruf erlernen. Für jede Eins auf dem Zeugnis verspricht er etwas Geld. In der 5. Klasse legt Sayima ein Zeugnis mit 14 Einsen bei 16 Fächern vor. „Du machst mich arm“, sagt er zu ihr. „Ich muss deinen Brüdern das Geld geben, damit sie sich mehr anstrengen. Du weißt ja: je mehr du lernst, desto größer wird dein Erfolg für dich selber im Leben sein. Und dein Geld wirst Du für dich verdienen.“

Sayimas ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit lässt sie an der Haltung ihres Vaters, der die Brüder bevorzugt, verzweifeln. Doch auch eine Lehrerin tut ihr Unrecht. Einmal tobt Sayima mit einem Jungen auf dem Hof, nachdem sie ihn, übrigens zum ersten Mal in ihrem Leben, bewusst geärgert hat. Der Junge jagt sie. Die Lehrerin schimpft ihn aus. Da sagt Sayima, das sei ihre Schuld, weil sie den Jungen gereizt habe. Darauf die Lehrerin: „Du verteidigst immer nur deine Landsleute!“ Sie weiß, dass Sayima oft für Schwächere eintritt. „Doch das beruhte immer auf der Wahrheit“, beteuert Sayima noch heute. Wieder verzweifelt Sayima; diesmal an den Vorurteilen der Lehrerin, die zu dieser ungerechten Aussage führten und einen Unschuldigen bestraften.

Nach diesen beiden Schlüsselerlebnissen beschließt Sayima Rechtsanwältin zu werden, weil sie findet, dass Gerechtigkeit nicht per se besteht, sondern ein durch Perspektivwechsel zu erreichendes Ziel ist. Von 1993 bis 2001 studiert sie Jura an der Berliner Humboldt Universität. Das Geld für das Studium verdient sie sich als Verkäuferin im KaDeWe. Danach arbeitet sie als Rechtsanwältin. 2007 wird ihre erste Tochter geboren, 2010 folgt die zweite. Gleichzeitig gründet sie ihre eigene Kanzlei. Sayima kommt an ihre Grenzen, sie fühlt sich überfordert. Wären da nicht Freunde und vor allem ihre Schwestern gewesen, die bei der Kindererziehung geholfen haben, hätte sie vielleicht den Beruf an den Nagel gehängt. Gemeinsam meistern sie diese Krise.

Ein juristischer Fall führt sie zum Verein Aufbruch Neukölln: In einem Scheidungsverfahren wünscht eine türkische Mandantin, die selbst ohne Vater aufgewachsen ist, dass die Tochter weiterhin mit ihrem Vater in Kontakt bleiben soll. Der religiös geprägte Mann aber hat andere Vorstellungen, und Sayima kommt mit den Verhandlungen nicht voran. Sie sucht Hilfe bei Kazim Erdogan, der als Sozialarbeiter und Psychologe den Verein Aufbruch Neukölln und darin eine türkische Männergruppe aufgebaut hat. Ihm geht es um ein friedliches Miteinander der Menschen auf Augenhöhe und gegenseitiger Wertschätzung. Kazim versucht zu vermitteln. Leider kann das Ziel der Mandantin nicht erreicht werden; aber Kazim Erdogan gelingt es Sayima als Rechtsanwältin für den Verein zu gewinnen. Am 1. Januar 2015 wird ihr die Geschäftsführung übertragen.

Die Arbeit im Verein Aufbruch Neukölln e.V. besteht nicht nur aus dem Aufbau und Zusammenhalten der eingangs genannten Gruppen, dem Akquirieren von Förderungsgeldern und Sammeln von Spenden, sondern auch aus der Beratung meist junger Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln, die aus der Jugendvollzugsanstalt oder vom Jugendamt geschickt werden.

Insbesondere bei den Beratungen stößt Sayima an die Grenzen von Recht und Gesetz. „Das Gesetzt hat keine Selbstberechtigung und muss immer wieder hinterfragt werden. Es geht doch um Menschen. Verurteilt man zum Beispiel einen Mann, der eine Straftat begangen hat, zu einer Gefängnisstrafe, so muss man berücksichtigen, dass dadurch seine ganze Familie bestraft wird. Es wäre abzuwägen, ob es das wirklich wert ist.  Alternativen zu bedenken und Dialoge in Gang zu setzen, die Sinn für unsere Gesellschaft haben, sind hier wegweisend. Auch sollte der Fokus stärker auf die Opfer gerichtet sein,“ sagt die mutige Kämpferin, die sich gern in Fälle einmischt, bei denen ihrer Meinung nach die wahre Gerechtigkeit noch gefunden werden muss. „Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen beiden Töchtern, die 6 und 9 Jahre alt sind, wenn ich mich vermeintlich gegen ihre Wünsche ausgesprochen habe. Dann nehme ich sie in den Arm und sage ihnen, dass es mir Leid tut, aber ich musste für die gesamte Familie eine Entscheidung finden, eine, mit der alle leben können.“ Für Sayima geht es darum, nicht allein nach den Buchstaben des Gesetzes zu urteilen, sondern im Rahmen von Abwägungen allen Beteiligten gerecht zu werden. Niemandem soll die Chance zur Einsicht und zur Weichenstellung seines Lebensweges genommen werden.

Wenn sich zum Beispiel ein türkischer Mann, der meint, ein reifer Mann zu sein, darüber beschwert, dass seine Frau die Linsensuppe auf unzumutbare Weise mit Fleischklößchen angereichert hat, versucht Sayima ihm klarzumachen, dass seine Frau auch versucht, sich im Rahmen eines Gerichts weiterzuentwickeln. Wenn es nicht schmeckt, kann er das äußern, aber das Schimpfen wird der Kreativität seiner Frau hinderlich sein. Will er denn die Weiterentwicklung seiner Frau begrenzen? Ein klares Nein. Sie versucht ihm den Blick auf das Handeln seines Gegenübers zu öffnen und dadurch eine Versöhnung zu ermöglichen.

„Die Juristerei steht häufig im Widerspruch zur Mitmenschlichkeit“, sagt Sayima. Das Familienrecht sollte beispielsweise bei der Sozialpädagogik untergebracht werden, wo man die „Gefühlswelt“ der Menschen besser versteht. Dass Verfahrensbeistände für Kinder zwar eine juristische Prüfung, aber keine pädagogische Ausbildung nachweisen müssen, führt sie als typisches Beispiel an. Allerdings könne man mit Hilfe der Rechtsprechung vieles ordnen. Sie würde aber humaner sein, wenn auch Rechtsanwälte sich ihrer Machtposition als Sprecher im Verfahren bewusster wären und mehr abwägen oder vermitteln würden.

„Ich bin glücklich in Deutschland zu leben – auch als Juristin – und dankbar dafür, dass es mir so gut geht“, sagt Sayima. „Ich bewundere die klaren Strukturen.“ Früher, in der Türkei, hatte die Familie nicht genug zu essen; die Eltern verloren vier Kinder. Sayima ist Alevitin; sie lebt aber nicht sehr religiös und hinterfragt viel. Die Aleviten üben ihre Religion traditionell eher im Verborgenen aus, weil sie als Freigeister unter den Muslimen im Lauf der Geschichte unterdrückt wurden. Sayimas Drang, den Schwachen zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, erklärt sich wohl auch aus dieser Tradition.

Sie versucht es mit Demut zu tun. Nie würde sie nach einer unentgeltlichen Rechtsberatung sagen: „Ich helfe anderen“ und damit eine „gönnerhafte Position“ einnehmen. Aus ihrer Sicht fühlt sich ein Mensch schlecht, der auf Hilfe angewiesen ist. Bei gönnerhafter Hilfe würde eine Hierarchie entstehen. Sayima wird sich ihm „auf Augenhöhe“ zuwenden, indem sie seine Qualitäten anspricht, ihn in ein Gespräch einbezieht. „Als Gebender muss man auch Nehmender sein können“, meint sie.

Auch zu diesem Thema hat Sayima eine Geschichte parat: Sie kauft sich gelegentlich ein Kebab, immer bei demselben Dönerstand. Und immer gibt sie ein kleines Trinkgeld. Einmal sagt der Verkäufer: „Es ist nicht nötig, dass du jedes Mal mehr bezahlst.“ Sayima antwortet: „Eines Tages werde ich kein Geld bei mir haben. Wirst du mir trotzdem ein Kebab geben?“ „Aber natürlich“, sagt der Verkäufer. Sayima: „Aber ich werde ein anderes Gesicht haben. Machst du es auch dann?“

Ihre psychosoziale Beratungskompetenz schöpft Sayima aus der eigenen Erfahrung. So, wie sie ihr eigenes Verhalten reflektiert, beobachtet sie gern auch andere Menschen. Wie bei einem Familienbesuch in ihrer Wohnung: Ihr Bruder, seine deutsche Frau und das zweijährige Kind sitzen am Wohnzimmertisch. Das Kind, obwohl schon relativ groß, soll von der Mutter gefüttert werden, damit es nicht den Tisch schmutzig macht. Sayima bemerkt den Druck, der sich zwischen Mutter und Kind aufbaut. Plötzlich tatscht das Kind in den Teller, so dass der Brei auf die Tischdecke spritzt. Mutter und Vater lachen. Sayima lacht nicht. Hier geschieht eine Steuerung des Kindes, denkt sie. Was lernt das Kind in diesem Moment? Dass es die Eltern glücklich macht, wenn es beim Essen auf den vollen Teller haut. Später wird sich niemand daran erinnern, warum das Kind es (vermeintlich absichtlich) immer wieder tut.

In den türkischen und arabischen Vätergruppen, die wöchentlich in den Vereinsräumen stattfinden, geht es immer wieder um dieselben Probleme: Ehe, Scheidung, Erziehung, Schule, Sprachförderung, Behörden, Spielsucht u.v.m. Die Gruppen werden von einem Sozialarbeiter geleitet; aber es ist auch immer eine Sozialarbeiterin dabei, damit die Probleme aus männlicher und weiblicher Perspektive betrachtet werden können. Wenn beispielsweise die Anwesenden über die deutsche Verwaltung abschätzig sagen, sie sei mit „Nazis“ besetzt, weil sie sich dort vielleicht nicht ausreichend verständigen können, so lautet für Sayima das Gegenargument: Wenn die Deutschen von euch sagen würden, das sind alles „Türken“, obwohl ihr aus verschiedenen Ländern kommt, würde euch das gefallen? Es geht um Menschen! Alle wollen, dass man sich mit Respekt begegnet!

In den Frauengruppen, wo meistens Mütter zusammenkommen, ist die Problemlage wieder anders. „Die Frauen hatten bewusst entschieden, sich für die Familien zu opfern und nahmen alles hin, um die Familien zu retten, verloren selbst aber alles.“, meint Sayima. „Sie müssen lernen, dass sie die Familien nur dann retten können, wenn sie aufhören Opfer zu sein. Wenn sie kein Opfer mehr sind, kann der andere nicht mehr Täter sein.“ Wenn ein Ehemann zu Gewalttätigkeiten neigt, wird Sayima seiner Frau raten: „Nimm Gewalt schon im Anfangsstadium nicht hin. Hilf ihm in eine Beratungseinrichtung zu gehen und du rettest deinen Mann davor ins Gefängnis zu kommen. Deine Kinder sollen ihren Vater nicht verlieren. Nimm dich wieder als Mensch wahr. Stärke dein Selbstbewusstsein!“ Sayima will den Blick für beide Seiten öffnen, damit die Frauen sehen können, warum die Aggression entsteht.

Der Verein bietet auch Projekte in Schulen und Kitas an, damit Eltern, die nicht gut Deutsch sprechen, darüber informiert werden können, was in der Schule läuft. Diese Eltern kommen erfahrungsgemäß nicht zu den Elternversammlungen, weil sie sich schämen. Sie werden in ihrer Sprache persönlich eingeladen und von einem Sozialarbeiter über die Schulangelegenheiten in Kenntnis gesetzt. Diese direkte und persönliche Einladung wird, wie unter Türken üblich, in blumiger Bildersprache ausgedrückt, wie: „Mein Herz ist für dich geöffnet...“. Das bloße Verteilen von Flyern, wie unter Deutschen üblich, ist eher zwecklos. Die Türken lesen sie nicht. „Sie schauen einem lieber in die Augen. Dann ist man als Mensch angenommen“, erklärt Sayima.

Zum Abschluss hält Sayima ein Plädoyer für die Notwendigkeit der Kommunikation eines jeden mit jedem. „Die Menschheit hat das Wissen und könnte sich auf die eigene Sprache sowie zusätzlich auf eine weitere Weltsprache verständigen, die weltweit unterrichtet wird“, meint sie. Die eigene Kultur und Landessprache würde erhalten und gepflegt werden. Die Weltsprache (beispielsweise Englisch) könnte durch die lernenden Kinder eine Grundverständigung innerhalb einer Generation erreichen. Wenn Frauen in der Frauengruppe an der deutschen Sprache verzweifeln sagt Sayima, dass jede Sprache mit einer „Jungfrau“ vergleichbar ist. Hast du dich deinem Mann gleich hingegeben? Nein, natürlich nicht. So verhält es sich auch mit der Sprache. Sie braucht Zeit und Zuwendung mit echtem Interesse und dann wird sie sich dir öffnen, weil du sie wertschätzt. „Das Beherrschen der Sprache des Landes, in dem wir leben wollen, in unserem Fall Deutschland, ist für jeden unerlässlich, um zufrieden und sicher leben zu können. Automatisch erfahren wir dann viel mehr über das Land – aber vor allem können wir unsere (deutschen) Mitbewohner viel besser kennenlernen.

Das Fremde wird bekannt.“

Freitag, 23. Juni 2017

35. Erzählcafé im Körnerkiez

Donnerstag, 15. Juni 2017

Dr. Bernhard Bremberger, Kulturhistoriker


„Erzählen ist eigentlich nicht mein Ding“, sagt Dr. Bernhard Bremberger und packt aus einer großen Tasche Bücher, Schriftstücke, Fotos und andere Objekte aus. „Meistens trage ich nach einem Manuskript vor. Doch für heute habe ich nur Stichworte vorbereitet, und diese Gegenstände sollen meinen Vortrag unterstützen.“ Dann lässt er eine Karikatur aus dem frühen 18. Jahrhundert herumgehen, die einen „Büchernarr“ zeigt in einem Raum mit vollgestellten, wandhohen Bücherregalen.[1] Zu diesen Spezies zählen mich manche, meint er ironisch.

Bernhard Bremberger kommt 1953 in Darmstadt zur Welt. Sein Vater ist Postbetriebsinspektor; seine Mutter stammt aus dem Sudetenland und bringt einen Sohn mit in die Ehe, aus der sieben weitere Kinder entspringen. Sie werden katholisch erzogen und wachsen in wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen auf. Die Familie wohnt beengt im Obergeschoss eines kleinen Einfamilienhauses, das den Großeltern gehört. „Manchmal war unsere Mutter froh, wenn sie einen Apfel auf alle Kinder aufteilen konnte“, erzählt Bernhard. „Telefon, Radio und Fernseher hatten wir nicht. Auch lange keinen gemeinsamen Urlaub, höchstens für einzelne von uns mal eine Fahrt mit einer Jugendgruppe. Und wir sind oft und gerne zusammen in den Wäldern gewandert. Auf eines achteten unsere Eltern: dass wir alle Abitur machen und eine gute Ausbildung bekommen – und dass wir alle ein Instrument spielen lernen.“

Bernhard erinnert sich, wie er sich als Kind für Tiere interessiert; er liest den „Kleinen Tierfreund“ und hält Reptilien: Frösche, Lurche und Salamander. Als Jugendlicher beteiligt er sich aktiv in katholischen Jugendgruppen und betreut später die Jüngeren auf gemeinsamen Fahrten. Er spielt im Verein Basketball und übernimmt Freiwilligendienste im Krankenhaus des Roten Kreuzes. Einmal nascht er als Gymnasiast abends Quark, vermischt mit Nescafé, und das hatte zur Folge, dass er nachts nicht schlafen kann. So greift er sich sein Chemiebuch und studiert es Seite für Seite. Chemie wird sein Lieblingsfach, und alle Zeichen deuten auf ein späteres naturwissenschaftliches Studium hin.

1972 beginnt Bernhard mit einem Medizinstudium in Berlin. Den Studienplatz hat ihm die ZVS (Zentrale Vergabe für Studienplätze) zugewiesen. Das Studium ist sehr verschult: Allein im ersten Semester sind 10 bis 15 Veranstaltungen zu bewältigen, wie Anatomie, Chemie, Physik, Physiologie etc. Bernhard behagt die strenge, rein naturwissenschaftliche Ausbildung nicht. Er wünscht sich eine Medizin, die den Menschen im Mittelpunkt hat und nicht in der Interpretation mathematischer Kurven besteht. Außerdem lernt er junge Ärzte kennen, die schon nach zwei, drei Jahren im Beruf völlig ausgelaugt sind. So soll sein künftiges Berufsleben nicht verlaufen; er hat doch noch andere Interessen. Nach dem Vorphysikum bricht er das Medizinstudium ab. Viele Jahre meidet er die Gegend um die Freie Universität. Doch findet er später den Bogen zur Medizin zurück: Jetzt arbeitet er über die Gesundheitsversorgung von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit und veröffentlicht dazu. Gerade erschien ein Aufsatz, der seine Forschungen dazu zusammenfasst.[2]

Noch in der Schulzeit hat er bei einem Nachbarn Gitarre gelernt, so richtig „nach Noten zupfen“. Ihn begeistern die frühen Balladen der Bee Gees und die Lords. Daneben hört er die Musik der amerikanischen Folk- und Antikriegsbewegung mit Sängern wie Bob Dylan und Joan Baez. In Berlin sucht er Gleichgesinnte zum gemeinsamen Musizieren. Sie singen amerikanische und englisch-irische Folklore, Protestlieder gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Heute findet er, dass das politische Bewusstsein, das in den Liedern zum Ausdruck kam, eher von einem Gerechtigkeitsgefühl bestimmt war – weit weg von konkreten politischen Auseinandersetzungen. Früher, in der Schule, wurde Bernhard als „Brummer“ mit den Worten: „Du kannst nicht singen“ aus dem Chor entlassen. Nun hat er Lieder für sich entdeckt. Bald auch deutschsprachige Lieder – und das war Anfang der Siebziger Jahre neu, dass deutsche Volkslieder nicht nur reaktionär-konservativ verwendet werden oder einfach harmlos sind wie Schlager, sondern fundierte Inhalte haben können; oft drücken sie Protest, Unmut und Widerstand aus. Er sucht nach weiteren solchen Liedern und forscht nach interessanten Texten. Dabei entdeckt er Heinrich Heine, der zu seinem Lieblingsdichter wird. Mit seinen Kollegen vertont er ausgewählte Gedichte, sie üben neue Lieder ein oder treffen sich spontan zur Straßenmusik – im Duo oder in einer größeren Gruppe. Sie begleiten sich mit Gitarren und anderen Zupfinstrumenten, Flöten, einer Drehleier, einem flämischen und einem böhmischen Dudelsack, Perkussion. Mit alten Autos – R 4 oder VW-Bus - reisen sie manchmal für einige Wochen in verschiedene Städte Westdeutschlands, treten auf der Straße auf, und können dann sogar von dem eingesammelten Geld leben. Dass diese Aktivitäten seinen Eltern wohl nicht behagen, spürt Bernhard.

„Wir dachten damals, jeder sei ein Künstler, jeder könne alles. Tatsächlich haben wir vieles selber gemacht“, erzählt Bernhard und führt ein selbstgebautes Zupfinstrument, eine Zither, einen Dulcimer vor. „Ich gebe es zu, es war ein Bausatz. Aber danach habe ich noch ein ganze Reihe selbst hergestellt.“ Natürlich werden auch die Autos selbst repariert. „Es waren Schrottmühlen, aber wir hatten nicht genug Geld für Werkstätten.“ Die Freunde sind geschickt und intelligent. Wenn sie nicht weiter wissen, schlagen sie in Ratgeberbüchern nach. Dort ist beschrieben, wie ein Motor funktioniert. Und an einen ganz besonderen Ratschlag erinnert sich Bernhard noch genau: Wenn dein VW-Bus ein Panne hat, setz dich erst hin und trinke einen Tee...

Nicht immer bereiten die Auftritte nur Freude. Am Kranzler-Eck in Berlin will ein Polizist den Gesang verbieten: Die Musiker hätten vier Genehmigungen gebraucht: etwa vom Gewerbeamt, vom Tiefbauamt oder vom Senat für Umweltschutz. Die Musiker mit ihren leisen akustischen Instrumenten sind längst nicht so laut wie die umherfahrenden Autos an der Kreuzung, und im Weg stehen sie auch nicht. Sie spielen stumm weiter, indem sie so tun, also ob sie Musik machen würden und haben einen Heidenspaß dabei, etwa stumm fünfstimmige Gesänge für zwei Musiker zu improvisieren. „Es ist skurril, mit welchen Vorgaben unsere Auftritte verhindert werden sollten“, meint Bernhard noch heute empört. Unter dem Straßburger Münster darf die Gruppe ebenfalls nicht stehen. Sie umgeht das Verbot, indem sie musizierend um den benachbarten Brunnen spaziert. Bernhard findet es spannend zu erleben, wie man auf legalem Weg solche Verbote umgehen kann.

Verbotene Musik, das hatte Bernhard schon in den frühen Siebziger Jahren erfahren, war auch in anderen Ländern ein Thema: Er wusste, dass Wolf Biermanns Lieder in der DDR unterdrückt waren, bei einem Griechenlandurlaub erfuhr er, dass die Musik von Mikis Theodorakis verboten und der Komponist selbst in ein winziges Dorf verbannt war. Und nun erlebt er selbst die Grenzen des Erlaubten in der Musik.

Nach Jahren will Bernhard sein Interesse an der Musik mit einem neuen Studium verbinden. Das Geld zum Leben verdient er sich jetzt als Taxifahrer. Seit 1979 wohnt er in Neukölln. Er schreibt sich in das Fach Musikethnologie ein, um mehr über die hiesige traditionelle Volkmusik zu erfahren. Dabei lernt er auch die Musik außereuropäischer Kulturen kennen. Zunächst gibt es Feldforschungsprojekte in Berlin, etwa über den Tegeler Tamburaschenchor. Tambouraschen, so werden Zupfinstrumente aus Jugoslawien genannt, welche im frühen 20. Jahrhundert in Berlin in großen Orchestern gespielt wurden.[3] Er forscht zur politischen Musik aus der Türkei, auch zu kurdischen Liedern. Auch damals wurden kritische Äußerungen in der Türkei verfolgt, Künstler mussten Strafen bis zum Gefängnis befürchten und konnten sich oft nur im Exil äußern. Er schreibt über die Berliner türkische Musikgruppe Yabanel (Der Name bedeutet so viel wie „fremdes Land“).[4] Bei einer Exkursion in die Schweiz erforschen die Studenten den Betruf auf dem Urnerboden. Dort leben im Sommer die Älpler auf den „Stafeln“ genannten Alphütten, hüten das Vieh und stellen Käse her. Zum Abschluss des Tages rufen sie durch einen Milchtrichter einen traditionellen „Alpsegen“ – auf jeder Stafel etwas anders. Bei diesem „Betruf“ schicken die Menschen ihre Gebete mit einer eigenen Melodie gen Himmel und informieren gleichzeitig die weit weg wohnenden Nachbarn darüber, dass es ihnen gut geht.[5]

Sein Hauptthema ist jedoch die Geschichte des Liederbuchs „Student für Europa“. In den Siebziger Jahren war dies eine der besten und beliebtesten Liedersammlungen, die auch oft von Lehrern im Unterricht genutzt wurde. Bernhard schreibt seine Magisterarbeit über die Entstehung und Geschichte dieser Liederbuchreihe.[6] Doch weil darin auch politische Lieder enthalten sind, gab es häufig Skandale, und die Lehrer mussten um ihre Existenz fürchten. Bernhard sammelt seit vielen Jahren Informationen zu „verbotener Musik“ und schreibt seine Dissertation später in Bamberg über das Thema Musikzensur.[7] Ihm wird angedeutet, mit so einem engagierten Thema habe er wohl in der Musikethnologie kaum berufliche Chancen.

Nach dem Studium bekommt Bernhard eine Arbeit beim „Internationalen Institut für Vergleichende Musikstudien und Dokumentation“ am Bahnhof Grunewald. Seine Aufgabe ist es alle in Berlin ansässigen internationalen Musikgruppen zu dokumentieren und Porträts von den Musikern und Tänzern zu erstellen. Für Radio 100, dem ersten privaten Hörfunksender mit links- alternativer Ausrichtung in West-Berlin, stellt er zu dem Thema „Klänge der Welt“ eine Sendung zusammen. Auf die in Aussicht gestellte Bezahlung wartet er vergebens. „Damit beginnt etwas, das ich später noch so oft erleben werde: die Selbstausbeutung“.

Die folgenden zehn Jahre ist Bernhard arbeitslos. Aber die Hände legt er nicht in den Schoß. Er unterstützt Sema – die Sängerin der Gruppe Yabanel, mit der er Mitte der Achtziger Jahre eine Zeitlang liiert war und danach weiterhin in Freundschaft verbunden ist – bei ihrer Karriere und managt ihre Konzerte. Für die Bibliothek der Brüder Grimm in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität organisiert er ehrenamtlich Buchpatenschaften, damit einzelne kostbare Bände mit den handschriftlichen Notizen dieses großartigen Geschwisterpaars restauriert werden können.[8] Auf seine fachlichen Schwerpunkte als Musikwissenschaftler und Turkuloge zurückkommend entwickelt er Seminarthemen über das Türkenbild in der europäischen Musik, die er der FU anbietet. Ausgehend von Mozarts „Rondo alla turca“ und „Entführung aus dem Serail“ präsentiert er Musik- und Theaterstücke, Literatur und Reiseberichte in mehrsemestrigen Seminarzyklen. „Übrigens woher kommt der Begriff ‚getürkt’?“ fragt Bernhard und erklärt, dass Ende des 18. Jahrhunderts der türkische Schriftsteller Ali Aziz Efendi von den Osmanen als Botschafter nach Berlin geschickt worden war. 1798 verstarb er und wurde vor den Toren der Stadt im heutigen Bereich der Urbanstraße beigesetzt. Auf diesem Gelände fanden militärische Übungen statt. Täuschungsmanöver wurden in der Nähe des Grabes geprobt, und daher sagten die Soldaten dazu: „den Türken machen“, woraus sich „einen Türken bauen“ und das Verb „türken“ entwickelten.

Bei einem Gespräch mit seiner Schwester, die in der Altenpflege biografisch arbeitet, wird er nach seinem Lieblingsmärchen gefragt. Ihm fallen die Karl-May-Bände seines Bruders ein, die er nachts unter der Bettdecke verschlang. Im Kommunionunterricht wollte der Pfarrer wissen, was die Kinder einmal werden wollen. Bernhard antwortete: „Cowboy“. Doch mehr als über den Wilden Westen hatte der Mayster – eigentlich ein Heimatdichter, der seine Dorfgeschichten in exotische Welten verlegte –über den Orient geschrieben. Im ersten Satz von Winnetou I hatte er den Orient als seinen Bezugspunkt genannt: "Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein."[9]

Einmal entdeckt Bernhard eine alte Zeichnung mit einer Pflanze, die menschliche Züge trägt. Es ist eine Alraune. Bernhard wird neugierig und beginnt mit Hilfe seines Bruders, der Biologe ist, über Alraunen zu forschen. Es handelt sich um giftige Heil- und Ritualpflanzen, die seit der Antike als Zaubermittel gelten. In kürzester Zeit häuft sich das gesammelte Material. Die Abbildungen ordnet Bernhard zu einer Ikonografie und stellt sie für eine Buchveröffentlichung fertig. Leider findet sich kein Verlag. Aber das Material liegt vor und könnte zum Beispiel jederzeit für eine Ausstellung verwendet werden. Trotzdem bringt ihm die Pflanze Glück. Bei einem Job in einem Buchladen lernt er seine spätere Lebensgefährtin kennen; sie heißt Alraune.

Endlich, im Jahr 1998, bekommt Bernhard eine auf zwei Jahre befristete ABM-Stelle beim Museum Neukölln. Er arbeitet mit bei den Vorbereitungen der Ausstellung zur Hundertjahrfeier der Stadt Rixdorf: „Vom Dorf zur Stadt“. So steigt er in die Lokalforschung ein. Bei den Zeitungsrecherchen fällt ihm ein Artikel aus dem Jahr 1899 in die Hände, der sich mit Rixdorf im Jahr 2000 befasst. Was die Menschen sich damals vorstellten! Bernhard schreibt darüber einen Aufsatz und trägt so dazu bei, dass diese utopischen Vorstellungen auf der Bühne des Saalbaus thematisiert werden.[10]

Bei der nächsten geplanten Museums-Ausstellung geht es um das Thema Geburt: „Der erste Schrei oder wie man in Neukölln zur Welt kommt“ (2000/2001). Bernhard bearbeitet den Zeitabschnitt „Drittes Reich“ und befasst sich mit der Landesfrauenklinik am Mariendorfer Weg.[11] Dort befand sich die Hebammenlehranstalt, die zentral für das gesamte Deutsche Reich zuständig war. Eine der Hauptfragestellungen richtet sich auf die Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Angesichts der um das Jahr 2000 aktuellen Diskussion um Entschädigungsleistungen für Zwangsarbeiter ein brisantes Thema, zu dem er zunächst kaum Hinweise findet, bis er sich an das Standesamt wendet. Dort erhält er die Genehmigung in den Geburts- und Sterbebüchern zu recherchieren. Er findet heraus, dass allein im Juli 1944 jedes fünfte in Neukölln geborene Baby Kind einer Zwangsarbeiterin war. Im gesamten Jahr 1944 war es jedes zehnte Kind. Außerdem entdeckt er zahlreiche Hinweise auf Lager in Neukölln, die noch nicht bekannt sind. Bernhard weiß, dass Zwangsarbeit in Neukölln verleugnet wird. Andererseits ist es bekannt, dass es im Deutschen Reich während des Krieges 12 Millionen Zwangsarbeiter gegeben hat, davon 8 Millionen Zivilisten aus den besetzten Gebieten. In Berlin gab es 1,5 Millionen Zwangsarbeiter, davon 10 Prozent in Neukölln. Einige wenige Firmen haben die Geschichte aufgearbeitet. Die meisten schotten sich ab.

Eines Tages fragt eine Journalistin im Museum nach, ob etwas über Zwangsarbeit auf einem der kirchlichen Friedhöfe an der Herrmannstraße bekannt sei. Sie recherchiere in der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde (Kreuzberg), habe aber das Gefühl es werde gemauert. Das Museum weiß nichts, aber Bernhard erinnert sich an ein Sterbedokument eines 33jährigen Ukrainers mit der Wohnadresse Herrmannstraße 84–90. Dort liegt ein Friedhof, auf dem muss sich also ein Zwangsarbeiterlager befunden haben. Bernhard findet heraus, dass es bereits in einer kirchlichen Chronik erwähnt worden war – folgenlos selbstverständlich - und dass auch in den Bauakten eine Genehmigung für den Bau von Baracken vorliegt. Er informiert die Journalistin, die in einer Rundfunksendung Wolfgang Huber, den Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg damit konfrontiert. Dieser verspricht das Thema aufzuarbeiten und richtet eine Arbeitsgruppe ein. In einem Pavillon auf dem Thomasfriedhof sind die Ergebnisse ausgestellt. Rund dreißig Berliner Kirchengemeinden hatten gemeinsam dieses Zwangsarbeiterlager betrieben. Dem Rechercheteam ist es gelungen, einige der osteuropäischen Zwangsarbeiter ausfindig zu machen, deren Geschichte sie erzählen und sogar ein Tagebuch aus dem Lager zu finden und zu veröffentlichen.[12] Außerdem haben die betroffenen Gemeinden einen Gedenkstein errichtet.

Zeitgleich beschäftigt sich der Tagesspiegel mit diesem Thema und veröffentlicht eine Befragung einzelner Firmen, ob es bei ihnen Zwangsarbeit gegeben hat. Die Firma Eternit verneint beispielweise. Doch Bernhard kann das Gegenteil beweisen. Aus seinen zusammengestellten Standesamtsunterlagen geht hervor, dass sich in der Rudower Kanalstraße 117-155, dem Eternit-Standort, ein Zwangsarbeiterlager befunden haben muss. Darüber schreibt Bernhard einen Artikel, den er vor der Veröffentlichung dem Museum und auch dem Standesamt zur Freigabe vorlegt. Das Standesamt informiert die Rathausspitze. Zurück kommt ein strenges Nein; Eternit sei ein wichtiger Arbeitgeber in Neukölln. Aber für eine Ausstellung im Museum darf Bernhard einige Dokumente verwenden. Sie zeigen die Geburtsdaten von Kindern, deren Mütter im Eternit-Zwangsarbeiterlager gewohnt haben. Bernhard fährt in Urlaub, und nach seiner Rückkehr erhält vom Standesamt die Nachricht, dass er nicht mehr dort recherchieren dürfe. Angestachelt durch das Verbot und nach Ablauf seines Arbeitsvertrags erarbeitet Bernhard eine Homepage www.zwangsarbeit-forschung.de, auf der er die ihm bekannten Lageradressen veröffentlicht. Der Bezirksbürgermeister und das Standesamt können die Informationen nicht mehr stoppen. Er erhält Anfragen aus aller Welt.

Noch während seiner Museumsarbeit hatte Bernhard die Erfahrung gemacht, dass ein Austausch mit anderen Experten im In- und Ausland sehr zeitaufwendig ist. Bei einer Tagung im Januar 2001 im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt kamen 70 Fachleute zusammen. Dort stellt Bernhard ein Kommunikationsmittel vor, welches den fachlichen Austausch revolutionierte: Die internationale Mailing-Liste NS-Zwangsarbeit moderiert Bernhard bis heute und investiert anfangs jeden Tag etwa eine Stunde in dieses Projekt, jetzt deutlich weniger.[13]

Im Jahr 2001, „das ein einschneidendes Jahr für mich sein wird“, endet Bernhards Vertrag mit dem Museum. Bei der gerade beim Berliner Senat eingerichteten „Koordinierungsstelle für die Auskunftsersuchen von Zwangsarbeitern“ wird ihm eine neue Stelle im Rahmen eines Fünfjahresvertrags angeboten. Seine Aufgabe ist es für ehemalige Zwangsarbeiter, die eine Entschädigung beantragen, den Nachweis zu führen, wo und wann sie tatsächlich eingesetzt waren. Bei den Recherchen hat er freie Hand. Nach knapp zwei Monaten bremst im Mai 2001 ein Schlaganfall diese Arbeit. Bernhard braucht viele Monate, bis er sich davon einigermaßen erholt. Mit seinen verbliebenen Kräften arbeitet Bernhard an der Zwangsarbeiterkoordinierungsstelle weiter. Er forscht zum Beispiel er in den Reviertagebüchern der Berliner Polizei, die sich in der Polizeihistorischen Sammlung befinden. Oder sucht in Berliner Krankenhäusern nach Dokumenten, welche den Aufenthalt von Zwangsarbeitern nachweisen. . Im Wintersemester 2002/3 führt er mit zwei Kolleg/innen ein Seminar über Zwangsarbeit im Berliner Gesundheitswesen im Reformstudiengang an der Charité durch. Dann verfasst er mit zwei Kollegen einen Aufsatz über das bislang unbekannte Ausländerkrankenhaus in Mahlow für schwerstkranke Zwangsarbeiter.[14] Eines Tages meldet sich eine Frau, die bei einer Firma namens „Sarotti“ Röhren produziert hatte. In Tempelhof gab es die Schweizer Schokoladenfabrik Sarotti. Bernhard telefoniert mit der für diesen Standort nun zuständigen Nestle-Zentrale in der Schweiz. Dort gibt man unumwunden zu, dass Sarotti in Berlin Zwangsarbeiter beschäftigt hat und erlaubt sogar das Archiv in Tempelhof aufzusuchen um Nachweise für ausländische Zwangsarbeiter/innen zu finden. Aus der Arbeit in der Zwangsarbeiterkoordinierungsstelle entsteht später ein Buch.[15]

Noch heute spürt er Beeinträchtigungen durch den Schlaganfall. Doch das Thema Zwangsarbeit lässt ihn nicht mehr los. So forscht er mehrfach beim Internationalen Suchdienst im hessischen Bad Arolsen, der im Auftrag der Alliierten nach dem Krieg alle Informationen über Zwangsarbeit gesammelt hatte. Einige Jahre lang zeigte sich der Suchdienst, der sich erst 2007 – nach dem Ende der „Nachweissuche“ - für die Forschung geöffnet hatte, wenig kooperativ und behindert die Arbeit mit. Bernhard geht an die Öffentlichkeit und erhält Unterstützung von vielen Seiten. Nach einem aufreibenden Dreivierteljahr kann er endlich die Kopien aller Listen, die er im Auftrag des Neuköllner Kulturamtes recherchiert hatte in seinen Händen halten.[16]

Anfang 2001 hatte Bernhard schon einmal eine Liste mit Kreuzberger Zwangsarbeiterlagern aus Arolsen geholt. 365 Lager sind dort für diesen kleinen Bezirk genannt. Die von Rainer Kubatzki zusammengestellte „Bibel“ der Berliner Zwangsarbeiterlager nennt 1.044 Lager innerhalb der Stadtgrenzen,[17] davon 29 für Kreuzberg. Daraus schließt Bernhard, dass es in Berlin viel mehr Lager gegeben haben muss, als bisher bekannt ist, „etwa eine fünfstellige Zahl“.

Er ist aktiver denn je. 2013 studiert er in einer sechswöchigen Kur die umfangreichen Unterlagen aus Arolsen. „Diese Zeit zahlt einem ja doch keiner“, meint Bernhard. Er recherchiert zu verschiedenen Stadtteilen, hält regelmäßig Vorträge, verfasst Aufsätze und Artikel (so etwa seit fünf Jahren eine Serie zu Zwangsarbeit im Rudower Magazin). Als 2012 der Neuköllner Antifaschist Werner Gutsche stirbt, den Bernhard im Museum oft getroffen und sehr geschätzt hat, ruft er dessen Wegbegleiter zusammen, um ihm zur Erinnerung ein Buch zu veröffentlichen.[18] Gerade schließt er ein Forschungsprojekt über die Ermordung kranker Zwangsarbeiter in Heil- und Pflegeanstalten ab und hat eine Menge Ideen, die er noch umsetzen möchte.

Und das Fazit? „Musik, Bilder und Bücher und die Beschäftigung mit anderen Kulturen  spielten in meinem Leben eine große Rolle. Ich war immer neugierig, deshalb interessierte mich die Geschichte, gleichzeitig aber auch das Neue. Vieles habe ich selbst erarbeitet, aus Eigeninitiative. Das zahlt sich manchmal nicht aus. Was habe ich von – wie ich so gerne ironisch sage – „Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit“? Nichts Materielles. Aber ich habe Alraune. Sie gibt mir die Kraft für neue Projekte.“



[1] Quelle fehlt noch (Happel 1709). 
[2] BB: „Es wird geprüft werden, ob sich unter den polnischen Arbeitern Personen befinden, die zur Krankenpflege geeignet sind.“ Zur Pflege in Berliner Ausländerkrankenhäusern 1940-1945; S. 87-113 in: Historia Hospitalium. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte (30) 2017.
[3] BB / Eberhard Dietrich: Der Tambouraschenchor ‘Wellebit 1902’; S. 132-142 in: Max Peter Baumann (Hg.): Musikalische Streiflichter einer Großstadt; (Berlin) 1979.
[4] BB: Aspekte politischer Musik aus der Türkei; S. 198-217 in: Max Peter Baumann (Hg.): Musik der Türken in Deutschland; (Kassel) 1985.
[5] BB / Stefanie Döll: Der Betruf auf dem Urnerboden (Schweiz) im Umfeld von Geschichte, Inhalt und Funktion; S. 65-96 in: Jahrbuch für Volksliedforschung XXIX; (Freiburg) 1984.
[6] BB: Die Liederbücher des Student für Europa e. V. – Zur Genese und Geschichte einer Liederbuchfamilie; unveröffentlichte Magisterarbeit FU Berlin 1984.
[7] BB: Musikzensur – Eine Annäherung an die Grenzen des Erlaubten in der Musik. Die Auseinandersetzungen um die ‘Student-für-Europa’-Liederbücher; (Diss. Bamberg 1988; Berlin: Verlag Schmengler) 1990.
[8] BB: Buchpatenschaften – Märchen- und Sagenbücher aus der Grimm-Bibliothek der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin; 52 S., 1998.
BB / Elke Barbara Peschke: Grimm-Bibliothek. Zwischenbilanz; S. 2 in: News-Letter (Humboldt-Universitäts-Gesellschaft), II, 12/1998 (http://www.hu-berlin.de/hug/aktuelles/newsletter/news_0398/gdff-5_html).
[9] Esther Spicker: Bücher für die einsame Insel und andere Gelegenheiten; S. 75-80 in: Udo Gößwald (Hg.): Die Magie des Lesens; Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Museums Neukölln vom 13. Mai  bis30. Dezember 2016 (Berlin).
[10] BB: „Rixdorf im Jahre 2000“. Eine futuristische Lokal-Komödie aus dem Jahre 1899; S. 26-33 in: Berlinische Monatsschrift VIII/12, Dezember 1999 (http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt99/9912proe.htm).
[11] BB: “Die kinderreiche, erbgesunde, rassisch wertvolle deutsche Familie - der einzige Wegweiser der deutschen Hebamme.“ Die Brandenburgische Landesfrauenklinik in Neukölln unter der Leitung von Prof. Benno Ottow (1933-1945); S. 24-28 in: Der erste Schrei oder: Wie man in Neukölln zur Welt kommt; Begleitband zur Ausstellung des Heimatmuseums Berlin-Neukölln vom 13. Mai 2000 - 1. April 2001 (Berlin).
[12] Wolfgang G. Krogel (Hg.): Bist Du Bandit? Das Lagertagebuch des Zwangsarbeiters Wasyl Timofejewitsch Kudrenko; (Berlin) 2005.
[13] BB: Die internationale Mailing Liste NS-Zwangsarbeit; (Hamburg, Museum der Arbeit, Tagung Geteiltes Gedächtnis? Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit im Europa des 21. Jahrhunderts) 2016 [https://www2.hu-berlin.de/forcedlabour/bernhard-bremberger-berlin/].
[14] BB / Frank Hummeltenberg / Manfred Stürzbecher: Das „Ausländerkrankenhaus der Reichshauptstadt Berlin“ in Mahlow; S. 221-273 in: Andreas Frewer / Günther Siedbürger / BB (Hg.): Der „Ausländereinsatz“ im Gesundheitswesen (1939-1945). Historische und ethische Probleme der NS-Medizin; (Stuttgart) 2009.
[15] BB / Cord Pagenstecher / Gisela Wenzel (Hg.): Zwangsarbeit in Berlin. Archivrecherchen, Nachweissuche und Entschädigung; (Berlin: Metropol) 2008.
[16] Martin Otto: Das Auswärtige Amt kann nichts ausrichten. Beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen sind Akten zu allen KZ-Häftlingen gesammelt. Das Archiv steht der Forschung offen, aber der völkerrechtliche Sonderstatus erzeugt bürokratische Hindernisse; (Frankfurter Allgemeine Zeitung 9.8.2011); ders.: Der Arolser Kopierfriede. Seit 1946 sammelt der Internationale Suchdienst Akten zu den Opfern von Hitlers Vernichtungspolitik. Jetzt wird aus dem ITS ein Forschungszentrum. Das Bundesarchiv ersetzt das Rote Kreuz; (Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.12.2011).
[17] Rainer Kubatzki: Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager. Standorte und Topographie in Berlin und im brandenburgischen Umland 1939 bis 1945. Eine Dokumentation; (= Berlin-Forschungen der Historischen Kommission zu Berlin 1), Berlin (Berlin-Verlag) 2001.
[18] BB / Matthias Heisig / Frieder Böhne: „Da müsst ihr euch ’mal drum kümmern“. Werner Gutsche (1923–2012) und Neukölln. Spuren, Erinnerungen, Anregungen; (Berlin: Metropol) 2016.